Friedrich Schiller: Der Pilgrim

Die lateinische Übersetzung von Gustav Feuerlein.
Lateinischer und deutscher Text nach G. Feuerlein: Schiller's sämmtliche Gedichte, I, 1831, S. 186 ff.

Viator

 
 
 
 
 
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Vitae beatae tempore floridae,
Tendens peregre pectore fervido,
   Laetae juventutis choreae
      Terga dedi, patrioque tecto.

Haereditatem patris et omnia
Dives beanti deserui fide,
   Levis, levi armatus bacillo,
      More hilaris pueri migravi.

Nam spes potens me vadere, me sacra
Oraculi vox ambigui incitat:
   I versus auroram, viator,
      Assiduo gradu, iter patescit.

Perge, usque dum tu conspicis aureas
Portas, in illas fac, penetres, ibi
   Terrestre caelorum nitorem
      Induet atque perennitatem.

En! occidit sol, solque revertitur,
Ac pergo prorsum continuo gradu;
   At quod cor anquirit, quod optat
      Acriter, usque latet migrantem.

Gressum retardant invia saltuum,
Amnesque vasti sunt pedibus morae;
   Sed pontibus sterno fluenta,
      Munio ponticulis barathra.

Et tango flumen, quod ruit aurei
Ad solis ortum, meque loco ducis
   Fiduciae plenum speique
      Excipit in gremio fugaci.

Raptumque torrens fluctivagus mari
Vasto invehit, quo luminibus nihil,
   Ni solitudo occurrit ingens;
      Nec propior mihi meta splendet.

Heu! dux ad istam pons ubivis abest;
Caelum super me, vae! mihi pernegat
   Terrae solum amplecti, et, quod istic
      Est, negat assidue huc venire.
Noch in meines Lebens Lenze
   War ich und ich wandert' aus,
Und der Jugend frohe Tänze
   Ließ ich in des Vaters Haus.

All mein Erbtheil, meine Habe
   Warf ich fröhlich glaubend hin,
und am leichten Pilgerstabe
   Zog ich fort mit Kindersinn.

Denn mich trieb ein mächtig Hoffen
   Und ein dunkles Glaubenswort;
Wandle, rief's, der Weg ist offen,
   Immer nach dem Aufgang fort.

Bis zu einer gold'nen Pforten
   Du gelangst, da gehst du ein,
Denn das Irdische wird dorten
   Himmlisch unvergänglich seyn.

Abend ward's und wurde Morgen,
   Nimmer, nimmer stand ich still;
Aber immer blieb's verborgen,
    Was ich suche, was ich will.

Berge lagen mir im Wege,
   Ströme hemmten meinen Fuß.
Ueber Schlünde baut' ich Stege,
   Brücken durch den wilden Fluß.

Und zu eines Stroms Gestaden
   Kann ich, der nach Morgen floß;
Froh vertrauend seinen Faden,
   Warf ich mich in seinen Schoos.

Hin zu einem großen Meere
   Trieb mich seiner Wellen Spiel;
Vor mir ligt's in weiter Leere,
   Näher bin ich nicht dem Ziel.

Ach, kein Steg will dahin führen,
   Ach, der Himmel über mir
Will die Erde nie berühren,
   Und das Dort ist niemals Hier.

Letzte Bearbeitung: 29.11.2009 – Copyright © Bernd Platzdasch