Deutsche Poesie in lateinischer und altgriechischer Übersetzung

2. Forschung und Sekundärliteratur

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Letzte Bearbeitung: 2.2.2012
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Deutsche Poesie in lateinischer und
altgriechischer Übersetzung

von Bernd Platzdasch, Heidelberg

2. Forschung und Sekundärliteratur

Karl August Neuhausen: Schiller excellens ille Germanorum poeta Latinitate vestitus, in: Neulateinisches Jahrbuch, Bd. 12, 2010, S. 261-269.

Vortrag gehalten auf dem 14. Internationalen Kongress der »Societas Internationalis Studiis Neolatinis Provehendis« in Uppsala 2009. – Der 250. Geburtstag Schillers veranlasst Neuhausen zu einer Lobrede auf die Übersetzungskunst derer, die sich im 19. Jahrhundert um die Übertragung deutscher Dichtung, insbesondere aber der Gedichte Schillers ins Lateinische bemüht haben. Seinen Zuhörern nennt er Namen und Werke. Unter den Schiller-Übersetzern erwähnt er Johann Dominicus Fuss (1782-1860) an erster Stelle, seine eigentliche Hochachtung aber spricht er Gustav Feuerlein (1781-1848) für dessen einzigartige Gesamtübersetzung der Gedichte Schillers ins Lateinische aus: „Omnium autem aequalium Schilleri posterorumque, qui quidem eius carminibus Theodiscis ad Latinae poeseos praecepta normas regulasque accomodandis usque navaverint operam, merito principem locum obtinet Gustav ille Feuerlein” (S. 263 f.).* Die Übertragungen der ersten drei Distichen aus Schillers »Pompeji und Herkulanum» von Gustav Feuerlein („Qualia dulcis aquae ...”), Theodor Ernst Echtermeyer (1805-1844) / Moritz Ludwig Seyffert (1809-1872) („Esse quid hoc ...”), Christian David Eidenbenz (1793-1845) („Heu mirum ...”) und Heinrich Stadelmann (1830-1875) („En miranda fides ...”) führt Neuhausen als Übersetzungsproben an. Die Übersetzung des von ihm zu Beginn seiner Rede erwähnten Johann Dominicus Fuss („O rem mirandam ...”) berücksichtigt er leider nicht.

* Was Neuhausen als mutiges Unterfangen ansieht, haben die Zeitgenossen und »Mitstreiter« Feuerleins durchaus anders beurteilt. Man vergleiche dazu etwa die von mir zusammengetragenen Dokumente zur Rezeption der Übersetzung Feuerleins.

Hans-Ludwig Oertel: Friderici Schilleri poemata Latine versa, in: Die Alten Sprachen im Unterricht. Mitteilungen der Landesverbände Bayern und Thüringen im Deutschen Altphilologenverband, Fachgruppe Alte Sprachen im Bayerischen Philologenverband, Jg. LVII, 1/2009, S. 35-42.

Anlässlich des 250. Geburtstages Schillers erinnert Oertel an die lateinischen Nachbildungen der Gedichte Schillers im 19. Jahrhundert. Er sieht in ihnen „Zeugnisse einer hohen Verehrung der Blüte der nationalen Dichtung” (S. 35), die auf dem Boden einer aktiven lateinischen Sprachkultur entstanden sind. Der Vergleich ausgesuchter Abschnitte aus Übersetzungen von Schillers »Glocke« und »Hektors Abschied« zeige die Reichhaltigkeit, Anpassungsfähigkeit und Geschmeidigkeit der lateinischen Sprache, „dass sie auch Nuancen einer anderssprachigen Dichtung wiederzugeben vermag” (ebd.), sei dies unter Gebrauch quantitierender oder akzentuierender Metrik.

Hans-Ludwig Oertel: De carminibus Friderici Schiller Latine versis, in: Vox Latina, Fasc. 178, Bd. 45, 2009, S. 537-544.

Leicht überarbeitete lateinische Fassung des oben besprochenen Aufsatzes von Oertel.

Stefan Elit: Recreating Classical Antiquity: Neolatin translations of German poetry (1500-1850). An Investigation, in: Neulateinisches Jahrbuch, Bd. 5, 2003, S. 314-318.

Ohne die von ihm angesprochene Literatur näher zu kennen, wagt Elit eine literaturgeschichtliche Annäherung und hypothetische Einordnung. Der Wert seines Beitrags liegt weniger in seinem informatorischen Gehalt, als vielmehr in seiner heuristischen Absicht. Seine erste These, vom Beginn der Renaissance bis zum 19. Jahrhundert habe es Übersetzungen deutscher Gedichte ins Lateinische gegeben – sehr frühe Beispiele seien Jacob Lochers »Stultifera Navis« (1497) und Heinrich Bebels »tageliet-Übersetzungen« (1508) –, nimmt er gleich wieder zurück, denn er muss feststellen: »For the later 16th and the 17th century there seems to be quite a gap«. Erst in der Zeit von 1760 bis 1850 seien ziemlich viele deutsch schreibende zeitgenössische Dichter ins Lateinische übersetzt worden. Das hänge damit zusammen, dass der Stellenwert deutscher Dichtung der zeitgenössischen lateinischen gegenüber in dieser Zeit gewachsen sei, was die Anhänger der lateinischen Tradition dazu herausgefordert habe, die vermeintliche Überlegenheit des Lateinischen als Dichtersprache durch Übersetzungen deutscher Gedichte unter Beweis zu stellen. In erster Linie aber seien deutsche Gedichte ins Lateinische übertragen worden, um sie auf diese Weise den antiken Werken an die Seite zu stellen und sie dadurch zu adeln: „Working within the paradigm of imitatio and aemulatio, Latin translators could be confident that their own versions were naturally superior to the originals, on which they conferred the favour of the classical language.” (S. 316) Elit meint darüber hinaus, eine in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzende Verschiebung beobachten zu können. Nachdem die deutsche Sprache endgültig den Sieg über die Lateinische davongetragen hatte, habe sich das Vorgehen der Verteidiger des lebendigen Lateins beim Übersetzen deutscher Gedichte geändert. Anders als in der Vergangenheit habe man nicht mehr ausschließlich in die Formen der antiken Literatur übertragen, sondern man habe im Lateinischen typische Elemente des deutschen Originals wie etwa das Metrum beibehalten. „Henceforth Latin translators followed the paths established by vernacular poetry. In a certain sense they had given up their resistance to it. By the same means they endeavoured to win at least some attention for the ever–diminishing Neo–Latin tradition.” (S. 318)

Eugen Grünwald: Deutsche Poesie in lateinischem Gewande, in: Zeitschrift für den deutschen Unterricht, 16. Jg., 1902, S. 601-635.

Die deutsche Poesie in lateinischem Gewande behandelt Eugen Grünwald nicht unter einer literaturgeschichtlichen Fragestellung, sondern als Übersetzungskritiker. Im Nachdenken über die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit des Übersetzens im Allgemeinen und von Poesie im Besonderen entwickelt Grünwald Kriterien, nach denen er „Typen verschiedener Übersetzungsweisen” beurteilen will. Dazu greift er sich im Einzelnen heraus: Benjamin Gottlob Fischers »Arminius et Theodora« (1822), Gustav Feuerleins Übersetzung der Gedichte Schillers (1832), Ernst Friedrich Haupts Goetheübertragungen in der Jubiläumsaugabe 1899, Ernst Ecksteins »Layra Germano-Latina« (1894) und Friedrich Strehlkes »Deutsche Lieder in lateinischer Übersetzung« (1894). Bei aller Anerkennung der Leistung, die die Übersetzer vollbracht haben, ist Grünwalds abschließendes Urteil doch vernichtend: „[…] wir müssen darauf verzichten, mehr vom Original in der lateinischen Übersetzung wiederzufinden, »als dunkle Umrisse im Spiegel«, ja oft läuft solche Übertragung auf nichts anderes als eine gelehrte Spielerei hinaus. […] ein Hinübersetzen […] ist für das deutsche Dichtwerk nicht nur kein Gewinn, sondern mit sehr seltenen Ausnahmen ein größerer oder geringerer Verlust.” (S. 631) – Anders urteilt er, wenn er einen Blick auf August Dührs »Hermann und Dorothea«-Übertragung (1888) ins Homerische wirft. Wegen der inneren Verwandtschaft des Altgriechischen und des Deutschen sei es kein Wunder, „daß ein Sprachkenner und Sprachkünstler in diesem Idiom eher und gelungener als in der harten und ängstlich auf Wahrung ihrer Würde bedachten Sprache Roms deutsche Empfindungen, deutsche Dichtung wiedergeben kann.” (633) Ulrich von Wilamowitz-Moellendorfs Übersetzungen von Goethes »Über allen Wipfeln« ins Äolische und Attische (vgl. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf: Euripides. Hippolytos, griechisch und deutsch, Berlin 1891, S. 16 f.: http://www.archive.org/stream/hippolytos00euriuoft#page/16/mode/2up" [26.1.2012]) führt Grünwald dafür als schlagenden Beleg an.

Adolf Pernwerth von Bärnstein: Kurzgefasste geschichtliche Einleitung über den Entwickelungsgang und den gegenwärtigen Stand der neulateinisch-rhythmischen Nachbildung deutscher Gedichte, in: Ders.: Imitata. Lateinische Nachbildungen bekannter deutscher Gedichte, Leipzig 1897, S. 1-22.

Anders als Stefan Elit in seinem oben besprochenen Aufsatz »Recreating Classical Antiquity«, der die „neulateinisch-rhythmischen Nachbildungen deutscher Gedichte” im 19. Jahrhundert als Angleichungen an den deutschen Ausgangstext versteht, stellt Adolf Pernwerth von Bärnstein diese in die Tradition der profanen mittelalterlichen Dichtung der fahrenden Schüler („Goliarden”). Die mittelalterliche profane Dichtung sei in der Zeit des Humanismus vollständig zurückgedrängt worden und erst im 19. Jahrhundert in der neulateinisch-rhythmischen Dichtung wieder zu Ehren gekommen. Anstoß dazu hätten wissenschaftliche Ausgaben von Werken mittelalterlicher Dichtung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber vor allem für weitere Kreise bestimmte Auszüge aus denselben und deren Übersetzungen ins Deutsche gegeben. Das Interesse an der Nachahmung jener mittelalterlichen Dichtungsform sei erwacht und habe sich in der Schaffung eigener Gedichte und in der Nachbildung deutscher Gedichte in neulateinisch-rhythmischer Form niedergeschlagen. Zwar seien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Hauptsache Übertragungen in den Formen der römisch-klassischen Dichtung erfolgt, am Ende des 19. Jahrhunderts erfreue sich aber – wenigstens in den humanistisch gebildeten Kreisen außerhalb der Schule –, die klangvollere neulateinisch-rhythmische Form größerer Beliebtheit.