Deutsche Poesie in lateinischer und altgriechischer Übersetzung

1. Methodischer Ansatz: offene Literaturgeschichte

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Letzte Bearbeitung: 4.2.2011
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Deutsche Poesie in lateinischer und altgriechischer Übersetzung

von Bernd Platzdasch, Heidelberg

1. Methodischer Ansatz: offene Literaturgeschichte

Als ich vor Jahren damit begann, unterhaltsame Literatur in lateinischer und altgriechischer Sprache zu sammeln, ahnte ich nicht, auf wie viele Schätze ich im Laufe der Zeit stoßen würde. Anfangs war ich nur an moderner lateinischer Prosa interessiert. Erste Orientierung bot mir Jozef Ijsewijns »Companion to Neo-Latin Studies«. Dort [1] begegnete mir erstmals Julius Philipp Lieberkühns (1754-1788) »Robinson Secundus«, die erste Übersetzung des Kinderbuchklassikers »Robinson der Jüngere« von Joachim Heinrich Campe (1746-1818) [2] ins Lateinische. Das Buch wollte ich mir besorgen. Die Heidelberger Universitätsbibliothek, die mich bis dahin noch nie im Stich gelassen hatte, musste passen. Doch schon im nahen Mannheim hatte ich Glück. Dr. Wolfgang Schibel, Mitarbeiter des CAMENA-Projekts, übergab mir den kleinen Band in seinem Büro. Das Exemplar war verschnürt, das Papier brüchig, die Bogen noch unaufgeschnitten. Unter Dr. Schibels Aufsicht trennte ich mit einem scharfen Messerchen die Seiten auf. Ich hatte eine kleine 2-Mega-Pixel-Kamera dabei – damals noch eine Besonderheit – und fotografierte aus der Hand ohne Stativ Seite für Seite ab. Zuhause ordnete ich die Seitenabbildungen am Computer und versuchte mit einem Bildbearbeitungsprogramm das Beste aus den Aufnahmen herauszuholen. Ich wollte alles in eine gut lesbare Form bringen, schrieb den Text ab und erstellte HTML-Dateien, dann konstruierte ich eine Navigationsumgebung für »meinen« Robinson, den ich jetzt bequem in meinem Browser studieren konnte. Freunde und Bekannte, denen ich voller Begeisterung von meinem Fund berichtete, wollten natürlich auch einen Blick auf meinen Robinson werfen. Was also lag näher, als ihn im Web auf einer eigenen Homepage zu präsentieren. Beflügelt von der Hoffnung, noch allerlei Unterhaltsames in lateinischer Sprache aufzuspüren, war der Domainname PANTOIA schnell gefunden.

Meine weiteren Recherchen, die in Wort und Tat von Freunden und Gönnern unterstützt wurden, denen ich nicht genug danken kann, brachten allmählich eine umfangreiche, heute weitgehend unbekannte Übersetzungsliteratur ans Licht: deutsche Prosa und vor allem deutsche Gedichte, Epen, Dramen und Lieder in altsprachlichem Gewande. Dieses reiche Schrifttum war bis dahin kein dezidiertes Thema der Forschung, weder bei Germanisten, noch bei den wenigen Neulateinern in Deutschland. Ein umfassender literaturgeschichtlicher Überblick fehlte, ebenso detaillierte Einzeluntersuchungen.

PANTOIA will nun diese Lücke schließen, und zwar auf eine ganz neuartige Weise. Ziel ist es nicht, ein geschlossenes, statisches Druckwerk nach dem Vorbild gängiger Literaturgeschichten zu verfassen. Das neue Medium Internet und seine umwälzenden Publikationstechniken sprengen das alte Paradigma und macht eine Literaturgeschichtsschreibung möglich, die Werke im Netz entstehen lässt, die offen, dynamisch, transparent, multimedial und frei sind, Werke die im Folgenden als offene Literaturgeschichten bezeichnen werden sollen. Diesem neuen Typus soll die literaturgeschichtliche Aufarbeitung deutscher Poesie in lateinischer und altgriechischer Übersetzung im Rahmen des PANTOIA-Projekts folgen.

Wodurch zeichnet sich eine offene Literaturgeschichte im Allgemeinen aus? Sie ist jederzeit erweiterbar, korrigierbar und kann flexibel neuen Erkenntnissen angepasst werden; sie ist im Umfang nicht eingeschränkt; sie ist nicht abgeschlossen; sie bezieht, wenn es die Urheberrechte zulassen, erstmals auch die Primärtexte in Form von Digitalisaten ein; sie bildet eine Plattform für neuartige, an die jeweiligen Erfordernisse angepasste Werkzeuge zur Texterschließung, wie etwa Datenbanken, die auf der Basis des aktuellen Datenbestands ganz nach den Wünschen des Benutzers Indizes, Diagramme und Übersichten on-the-fly generieren; sie verknüpft idealerweise Primärtexte und sekundäre Wissensressourcen sowie Werkzeuge zur Texterschließung so miteinander, dass das Verweisungsziel direkt einsehbar wird; sie ist nach außen offen, kann sich über externe Links vernetzen und fremde Wissensressourcen einbinden; sie ist grundsätzlich modal und kann mit anderen offenen Literaturgeschichten verbunden oder in sie eingebunden werden; sie ist multimedial, kann etwa Tonaufzeichnungen von Lesungen oder Rezitationen bereitstellen; sie ist transparent, macht den Prozess der Generierung von Wissen nachvollziehbar und ermöglicht die unmittelbare Überprüfung und Bewertung von Schlussfolgerungen und Annahmen; sie ist frei und nicht an die Interessen und Vorgaben Dritter (Verlage, Druckvorgaben) gebunden; sie bietet die Möglichkeit zur Entwicklung neuer Formen wissenschaftlicher Darstellung; sie ist aktuell und immer auf dem neuesten Stand; sie ist nicht exklusiv, sondern weltweit und zu jeder Zeit für jedermann einsehbar; sie ist dialogisch und kann ein Forum bieten für den direkten Austausch über ihren Gegenstand ... Von Literaturgeschichte in Buchform sollten wir uns verabschieden.

Das alles stellt an den Autor einer offenen Literaturgeschichte Anforderungen, die über seine Kompetenz als Literaturwissenschaftler hinausgehen. Vertrautheit mit einer Textverarbeitung, den Kommunikations- und Recherchemöglichkeiten im Internet allein genügen nicht mehr. Ein umfassendes Wissen als Online-Autor und die Beherrschung von Browser-, Server und Datenbanksprachen sind unabdingbare Voraussetzung. Die Suche nach einem adäquaten Konzept zur Beschreibung einer literaturgeschichtlichen Entität, dessen Umsetzung und Pflege im Sinne ständiger Anpassungen und Erweiterungen setzt profunde Programmierkenntnisse voraus, die das kreative Potential offener Literaturgeschichten ausmachen. Erstmals muss eine literaturgeschichtliche Darstellung nicht mehr in das Prokrustes-Bett Buch gezwängt werden. Erstmals kann der Autor eine individuelle, aus der Begegnung mit »seiner« Literatur erwachsene Darstellungsweise erschaffen.

Die großen Digitalisierungsprojekte der jüngsten Vergangenheit haben gerade die neulateinische Literatur in all ihrem Reichtum wieder ans Licht gebracht und aus der Vergessenheit geholt; sie ist erstmals allgemein und frei zugänglich, und ihre Schriften sind keine Rarissima mehr. Die neulateinische Literatur hat gewissermaßen ihren Aggregatzustand geändert und ist zum Digitalisat geworden. Nichts liegt darum näher, als gerade sie in digitaler Form zu beschreiben und zu erschließen. Über neulateinische Literatur im Stil des 19. und 20. Jahrhunderts zu publizieren, wird ihr auf Dauer wohl nicht mehr gerecht.

PANTOIA geht diesen neuen Weg literaturgeschichtlicher Darstellungsweise, stellt Primärtexte, sekundäre Wissensressourcen und die Werkzeuge zur Erschließung all dessen in eine lebendige Beziehung zueinander, um ein umfassendes Bild neuzeitlicher unterhaltsamer Literatur in altsprachlichem Gewande zu zeichnen. In der bibliographischen Datenbank von PANTOIA sind die allermeisten selbstständig erschienenen Primärtexte des Genres bereits erfasst. Von ihr aus kann gezielt auf in- und extern abgelegte Digitalisate zugegriffen werden. Zum Teil aufwändig recherchierte Kurzbiographien bieten eine erste sozio-kulturelle Verortung der Digitalisate. Eine weitere Datenbank ermöglicht den Zugriff auf die im Rahmen des PANTOIA-Projektes digitalisierten Gedichte und bietet darüber hinaus die Möglichkeit, diesen Datenbestand statistisch auszuwerten.

Die Wiederentdeckung und Bekanntmachung der lateinischen Robinson-Übersetzungen, des Übersetzers Arcadius Avellanus (1851-1935) und seiner Werke, der Übertragungen von Goethes »Hermann und Dorothea« ins Lateinische und Altgriechische, der reichen poetischen Übersetzungsliteratur des 19. Jahrhunderts und nicht zuletzt der neualtgriechischen Literatur neuester Zeit (vgl. zu all dem die PANTOIA-Digitalisate) sind neben der bibliographischen Erfassung zeitgenössischer altsprachlicher Unterhaltungsliteratur die bislang bedeutendsten Beiträge des PANTOIA-Projekts zur modernen altsprachlichen Literaturgeschichte. In einem zweiten Schritt, der über die Erfassung, Präsentation und Erschließung von Texten hinausgeht, soll nun erstmals auch ein Teil der modernen altsprachlichen Übersetzungsliteratur genauer untersucht, dargestellt und interpretiert werden. »Deutsche Poesie in lateinischer und altgriechischer Übersetzung« soll das erste Kapitel einer offenen Literaturgeschichte der modernen unterhaltsamen altsprachlichen Literatur werden.

[1] Jozef Ijsewijn / Dirk Sacré: Companion to Neo-Latin Studies. Part II: Literary, Linguistic, Philological and Editorial Questions, Supplementa Humanistica Lovaniensia XIV, second entirely rewritten edition, Leuven 1998, S. 245.
[2] Vgl. Hans-Jürgen Perrey: Joachim Heinrich Campe (1746-1818). Menschenfreund – Aufklärer – Publizist, Bremen 2010.